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Eine offene Rechnung beglichen – Berliner Mauerweglauf 2021

Der Berliner Mauerweglauf

Am 14.08.2021 fand die bereits neunte Auflage des Berliner Mauerweglauf in Berlin statt. „Seit 2011 erinnert der Berliner Mauerweglauf an die Opfer der früheren Grenze, die Deutschland zwischen 1961 und 1989 teilte. Gelaufen wird dabei auf dem ehemaligen Grenzstreifen…“ schreibt der Veranstalter, LG Mauerweg Berlin e.V. auf der Startseite der Veranstaltung (www.100meilen.de).

Gelaufen wird dabei grundsätzlich entlang des Verlaufs der Berliner Mauer, die Westberlin vom Osten trennte. Das sind dann ca. 161km und somit ein Lauf über die klassische 100 Meilen Distanz.

Die Laufrichtung wechselt dabei jährlich, in diesem Jahr im Uhrzeigersinn. Die Anmeldung zum Lauf öffnet dabei immer am 9. November 18:57 Uhr. Hier heißt es allerdings schnell sein, denn der Lauf erfreut sich inzwischen großer Beliebtheit und so sind die ca. 500 Startplätze für Einzelstarter meist schnell vergriffen. Es besteht allerdings oft noch die Möglichkeit, später einen Startplatz zu ergattern, falls ein Läufer abspringt. Selbst bei der Startnummernausgabe kann man das Glück haben, sich noch nachmelden zu können.

Der Weg zum Berliner Mauerweglauf

Ich hatte mit dieser Veranstaltung noch eine Rechnung offen. Nachdem ich im Jahr 2018 nach ca. 50 Kilometern mit einem Stressödem im rechten Mittelfuß aufgeben musste (Mein erster Versuch über 100 Meilen – DNF mit kaputten Fuß 🙁) stand für mich fest, dass ich zurückkehren und das Event beenden will.

Im Jahr 2021 sollte es also soweit sein, ich stellte mich erneut der Herausforderung Berliner Mauerweglauf, 100 Meilen durch und um Berlin. Für mich begann die Veranstaltung mit der Reise nach Berlin am Freitag, 13.08.2021. Vom Flughafen ging es relativ direkt zur Startnummernausgabe im offiziellen Wettkampfhotel (H4 Hotel am Alexanderplatz).

Nach der Abholung bezog ich mein Hotel unweit des Start-/Zielbereichs im kleinen Stadion des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Danach folgte ein kurzer Abendspaziergang zum Start, mich mit der Umgebung vertraut zu machen. Anschließend trafen gute Freunde aus der Heimat ein, mit denen ich mich am Abend verabredet hatte. Markus wollte mich ab WP1 mit dem Rad begleiten (Anmeldung offiziell möglich und erforderlich), dafür gab es noch einige organisatorische Dinge zu besprechen. Als alles geklärt war, ging es auch schon ins Bett, die Nacht sollte schließlich schon um 4 Uhr zu Ende sein…

Race Day – Berliner Mauerweglauf

Um 4 Uhr ertönte also der Wecker und der lange Tag des Berliner Mauerweglaufs nahm seinen Anfang. Nach zwei Kaffee war ich auch grundsätzlich soweit bereit, mich der Herausforderung zu stellen. Ich packte also meine Sachen und machte mich auf den Weg zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Auf den 15 minütigen Fußweg lief mir auch gleich ein Mann über den Weg, der mich fragte, ob ich auch zum Lauf wollte. So setzten wir den Weg gemeinsam fort.

Nach Eintreffen am Sportpark begann für mich die unmittelbare Laufvorbereitung, Kleiderbeutel abgeben, noch einen Kaffee trinken und der obligatorische Besuch auf dem WC (davon waren leider viel zu wenige vorhanden). Das traditionelle große Läuferfrühstück am Stadion musste aufgrund des Corona Hygienekonzepts leider ausfallen.

5:50 Uhr wurde die Tür zum Stadion geöffnet und wir konnten uns in der Startaufstellung positionieren. Hier traf ich auch die Burger Zwillinge aus Bayreuth, die schon seit Jahren in der Ultra Szene unterwegs sind und von denen ich immer wieder hilfreiche Tipps bekomme. Sie waren zum dritten Mal hier am Start.

Start bis WP1

Pünktlich um 6 Uhr fiel dann der Startschuss und im lockeren Trab setzte ich mich in Bewegung. Die Strecke führte dabei zunächst durch die noch verschlafene Innenstadt von Berlin. Vorbei an Highlights wie dem Checkpoint Charlie oder der East Side Gallery. Dabei war der Teil geprägt vom ständigen Stop and Go, denn die Strecke war nicht abgesperrt und es galt die STVO. Daher hieß es an jeder Ampel anhalten und natürlich Rücksichtnahme auf andere Verkehrsteilnehmer.

Irgendwann ging es dann raus aus der Stadt und das Feld hatte sich auseinander gezogen. War ich die ersten 15km noch in ständiger Begleitung unterwegs, wurde dann bald einsam und so lief ich im lockeren (für die Distanz aber zu schnellem) Tempo vor mich hin. Aufheiterung brachten die gut gesetzten VPs (insgesamt 26, alle 5-9km). Unter den lockeren und aufmunternden Sprüchen der Helfer hatte man hier die Möglichkeit, seine Reserven wieder aufzufüllen und kurz zu verschnaufen. Die Auswahl war fantastisch, reichte von Obst über deftiges bis hin zu selbstgemachten Kuchen und Süßigkeiten. Auch eine breite Getränkeauswahl war vorhanden.

Eine wichtige Marke erreichte ich am VP8, dem Punkt, an dem ich das Rennen 2018 aufgeben musste. Erleichtert, dass ich bis dato keinerlei Probleme verspürte, passierte ich den Punkt in diesem Jahr.

Nach 60 Kilometern erreichte ich den WP1 (VP9). An diesem Punkt durfte die Radbegleitung zum Läufer stoßen. Der Punkt war übersichtlich aufgebaut und so war es kein Problem, Markus zu finden. Nach kurzer Stärkung machten wir uns als zusammen auf die verbleibenden 100km.

WP1 bis WP2

Weiter ging es also in einem moderaten Tempo, jetzt zu zweit und mit der Möglichkeit, sich zu unterhalten und somit abzulenken. Die nächsten Kilometer liefen auch ganz gut und wir kamen ordentlich voran. Jetzt folgte auch der schönste Teil der Strecke, nach ca. 70km ging es ans Wasser, genauer gesagt an den Teltowkanal. Wir hatten also Berlin verlassen und bewegten uns in Potsdam (und Gemeinden) weiter. Die Strecke am Ufer und in den Parks hier war super, das Ambiente am Wasser idyllisch und die Ausblicke toll. Unvergessen wird auch der Abschnitt bleiben, in dem der Weg durch eine FKK Badewiese führte, auf der sich unzählige Anhänger der Freikörperkultur der Sonne hingaben.

Nach diesem Highlight ging es weiter bis zum WP2, der uns bei Kilometer 92 erwartete. Auch hier hatte ich, wie schon bei WP1, nicht von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, einen Drop Bag zu deponieren. Es blieb also auch hier bei einem kurzen Stopp zur Erfrischung und ging auch gleich weiter.

WP2 bis WP3

Ich merkte allerdings langsam, was es heißen sollte, 100 Meilen zu laufen. Denn ab WP2 fühlte ich langsam, dass es mir nicht mehr so leicht fiel, einen lockeren Laufschritt zu halten. Es begann die Zeit, ab der ich immer mal wieder vom Laufen ins Gehen wechseln musste. Die Muskulatur machte sich bemerkbar, ich spürte, dass ich bereits 10h unterwegs war.

Die 100km Marke erreichte ich nach 10:40h. Da ich noch nie soweit gelaufen war und noch 60km vor mir lagen, musste ich mir die Kräfte nun etwas einteilen. Ich wechselte also weiterhin zwischen Laufen und Gehen und so ging es nun etwas langsamer voran, als noch zu Beginn. Dank der Begleitung von Markus auf dem Rad hatte ich aber immer Ablenkung, sodass ich nicht ins Zweifeln und Grübeln verfiel. Zudem kam noch Zuspruch von weiteren Freunden per WhatsApp, was meine Motivation hoch hielt.

Nach 124 Kilometern traf ich dann auch wieder auf einen der Burger Zwillinge, der mich zunächst überholt hatte, aber nun zum Laden seiner Uhr auch eine Gehphase einlegte. So nahmen wir die letzten Kilometer zum WP3 gemeinsam in Angriff.

WP3 bis zum Ziel

Am WP3, bei Kilometer 129 hatte ich einen Drop Bag deponiert. Darin war eine Jacke und Mütze für die Nacht, sowie trockene Socken und ein Shirt zum Wechseln. Da mein Outfit allerdings noch im guten Zustand war, packte ich nur die Jacke ein und lies den Rest im Bag. Da es bereits 21 Uhr war, legten wir die obligatorische Nachtausrüstung (Lampe und Warnweste). Diese Pflichtausrüstung galt auch für die Begleitung auf dem Rad.

Fünf Minuten später ging es dann auch schon wieder weiter. Das Tageslicht verschwand erstaunlich schnell und schon bald waren wir relativ einsam in der Dunkelheit unterwegs. Ich tat mich allerdings weiterhin schwer, ich musste nun vermehrt Gehen, Laufen war nur noch gelegentlich möglich. Da aber auf das 30h Zeitlimit noch extrem viel Luft war, machte ich mir darüber keine Gedanken. Auch die 24h sollte ich in dem Tempo locker erreichen können, von daher war der Gedanke daran eher nabensächlich. Ich versuchte mich mit Gesprächen mit Markus abzulenken, merkte aber selbst, dass ich offenbar nicht mehr ganz so locker und entspannt war, wie noch zu beginn.

So lief ich weiter durch die Nacht, bis die Strecke in relativ einsame Waldwege führte. Hier kam uns der Gedanke, wie sicher das Ganze sei, insbesondere, wenn Läufer(innen) nachts ganz allein hier unterwegs sind…  Immerhin kamen uns nun auch vermehrt medizinische Helfer auf Rädern entgegen, die nach dem Wohlbefinden der schauten.

Als wir an einem weiteren Waldrand entlang kamen, ereilte uns noch ein Schreckmoment. Wir hörten zunächst ein Trampeln, das immer lauter wurde, als dann 20 Meter vor uns zwei Wildschweine den Weg kreuzten. Der Adrenalinstoß hat gesessen. Markus trat plötzlich etwas forscher in die Pedale und als ich fragte, wo er hin will, sagte er, wir sollten etwas schneller machen, falls die Schweine zurückkommen. Ich fand den Gedanken gut, aber mein Körper hatte nach inzwischen 145 Kilometern offenbar eine andere Ansicht dazu… Es ging also weiter im gemäßigten Tempo und wir hatten auch keine weiteren Begegnungen mit irgendwelchen Wild.

Endspurt…

Als wir VP26 nach 157 Kilometern erreichten, hielten wir uns auch gar nicht weiter auf. Das Ziel war nun in greifbarer Nähe und ich wollte einfach nur noch ankommen. Als es nach der Überquerung einer Brücke leicht abwärts ging, fühlte ich mich auch wieder in der Lage zu laufen. So ging es dann, beflügelt vom nahen Ziel, tatsächlich nochmal etwas flotter auf die letzten beiden Kilometer.

Nach 161km erreichte ich das Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark und nach einer Ehrenrunde um das Stadion überquerte ich die Ziellinie des Berliner Mauerweglaufs nach 20:39h.

Post Race

Nach Überqueren der Ziellinie erhielt ich sofort mein Finisher Shirt. Eine Medaille gab es zunächst nicht, die werden am Sonntag im Wettkampfhotel verteilt.
Es gab ein reichhaltiges Zielbuffet, allerdings brachte ich absolut nichts in mich hinein und so begnügte ich mich mit einem alkoholfreien Weizen als Belohnung für die Strapazen.

Die offizielle Siegerehrung, bei der jeder Finisher seine Medaille erhält, fand ab 14 Uhr im Hotel statt. Eine Abholung ist allerdings schon ab 10 Uhr möglich gewesen, was ich auch in Anspruch genommen habe, da ich den Nachmittag noch mit Markus und seiner Frau Sandra in Berlin verbringen und das Wetter genießen wollte. Für mich gab es neben der Finisher Medaille noch eine Gürtelschnalle für die Zeit von unter 24h.

Fazit des Berliner Mauerweglaufs

Der Berliner Mauerweglauf ist ein super organisiertes Event. Der Veranstalter gibt sich Mühe, jeden Teilnehmer ein unvergessliches Erlebnis zu bieten. Die vielen VPs machen es den Teilnehmern leicht, motiviert zu bleiben. Die Helfer waren durchweg gut gelaunt und motiviert und mit Spaß bei der Sache. So stellt man sich das vor.

Und ich, ich bin einfach nur super Happy, meine offene Rechnung mit diesem Event beglichen zu haben und das Ziel ohne Blessuren erreicht zu haben.

Ein herzlicher Dank geht an dieser Stelle am Markus, der mich auf dem Rad begleitet, angetrieben und motiviert hat. Ebenso ein Dank an alle, die mich mit ihren Nachrichten unterstützt haben und in Gedanken bei mir waren.

 

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